Alpenüberquerung: Von Oberstdorf nach Meran

Manche Dinge werden irgendwann einfach „in“. Alleine reisen zum Beispiel. Oder Japan. Oder auch die Alpenüberquerung. Natürlich sind die Menschen schon seit Jahrtausenden zu Fuß in den Alpen unterwegs und haben sie überquert (Stichwort Hannibal). Für die reine Erholung  tut man sich das aber erst seit knapp 50 Jahren an, seit 1972 um genau zu sein, denn da wurde der Europäische Fernwanderweg E5 eröffnet.

E5: Wie kam es überhaupt dazu?

Den Auftrag dafür bekam Hans Schmidt aus Sonthofen. Dieser wanderte innerhalb von 9 Tagen von seiner Heimatstadt nach Girlan-Schreckbichl bei Bozen. Dies bekam wiederum der Präsident des Verbands Deutscher Gebirgs- und Wandervereine mit und lud ihn daraufhin ein, an der Gründung der Europäischen Wandervereinigung teilzunehmen. Schmidts Auftrag bestand darin, eine Route aus bestehenden Gebirgswegen von Konstanz nach Venedig zusammenzustellen, 1972 wurde der E5 der Öffentlichkeit übergeben.

46 Jahre später ist die Alpenüberquerung in aller Munde, speziell bei denen, die Lust auf eine Auszeit haben oder sich und ihrem Körper was beweisen wollen. Man organisiert es entweder privat, muss sich dann aber frühzeitig um die Hüttenübernachtungen kümmern, oder lässt sich alles von einer der zahlreichen Bergschulen organisieren. Die gängige Route ist mittlerweile nur noch von Oberstdorf nach Meran, was innerhalb einer guten Woche zu schaffen ist, je nachdem wie oft man zwischendurch den Bus oder das Taxi nimmt.

„Da oben müssen wir durch!“ (O-Ton Andreas, Bergführer)

Alpenüberquerung mit der Bergschule Kleinwalsertal

Da ich mich relativ spontan entschieden habe und auch mal wieder allein unterwegs war, habe ich mich für die Bergschule Kleinwalsertal entschieden, die ich nur wärmstens empfehlen kann. Die E5-Touren der Bergschule sind so angelegt, dass man gerne auch mal abseits der ausgetretenen E5-Pfade wandert und so wirklich noch die Idylle der bayerischen/österreichischen/italienischen Bergwelt genießen kann.

Nein, so mutig war ich nicht, gefühlte 5 Grad Wassertemperatur waren mir doch zu kalt

Treffpunkt für mich und meine Mitwanderer war ein sonnig warmer Sonntag im September vor der Bergschule in Mittelberg. Wir beäugten uns zunächst noch alle etwas misstrauisch, schließlich würden wir die nächsten 7 Tage von morgens bis abends einander ausgeliefert sein. Unser Wanderführer Andreas lockerte gekonnt die Stimmung auf, indem er sich im Schnelldurchlauf alle 22 Namen zu merken versuchte, was nur so bedingt funktioniert hat 🙂

Gleich geht’s los

Apropos 22 Namen: es wurden zwei Gruppen à 11 Personen mit jeweils einem Bergführer zusammengelegt. Ich fand es ideal, denn so hatte man noch mehr Menschen zum Quatschen, für die Wanderungen wurden wir dann aber meistens auf zwei Gruppen aufgeteilt.

Da es wahrscheinlich unzählige detaillierte Berichte von Alpenüberquerungen gibt, erspare ich mir das und erzähle Euch lieber von meinen High- und Low-Lights:

Alpenüberquerung: Meine Higlights und Lowlights

Die Hüttenübernachtungen

Definitiv ein Highlight, auch wenn der Schlafkomfort nicht allzu hoch war. Trotzdem finde ich, eine Übernachtung in einem Matratzenlager gehört bei einer Alpenüberquerung auf jeden Fall dazu! Zudem kommt noch das Flair durch die zahlreichen anderen Wandergruppen, das leckere, deftige Hüttenessen, ein Zirbenschnaps zur Verdauung und der überwältigende Sternenhimmel (ich habe jeden Tag die Milchstraße gesehen!), das muss man einfach mal erlebt haben.

Das Matrazenlager der Mindelheimer Hütte

Das gehörte ebenfalls zum abendlichen Pflichtprogramm: die Wanderroute auf der Karte zu rekonstruieren

Die Wandergruppe

Definitiv ebenfalls ein Highlight, denn besser ging es nicht. Die gute Stimmung lag sicherlich auch am Wetter, denn auch das hätte nicht besser sein können: 20 Grad und strahlend blauer Himmel auf 2.000 Metern (und das 6 Tage lang), lassen keine Wünsche offen. Aber auch so hat es einfach gepasst und man hat richtig gemerkt, wie wir von Tag zu Tag mehr als Gruppe zusammengewachsen sind. Wir haben unglaublich viel gelacht, uns gegenseitig motiviert und füreinander gefreut und die Alpenüberquerung wirklich gemeinsam als Gruppe bewältigt. Das hat unglaublich stolz gemacht und zusammengeschweißt.

Die Etappe zur Similaunhütte ist ein echter Brocken und deshalb wird angefeuert, was das Zeug hält

Durfte an keinem Abend fehlen: Der Zirbenschnapps-Absacker

Die Wanderführer

Andreas und Vinz waren das Tüpfelchen auf dem i und ich würde jederzeit wieder mit ihnen zu einer Wanderung aufbrechen. Was mir am besten gefallen hat, war, dass sie uns immer ziemlich im Dunkeln gelassen haben. Wir haben morgens eigentlich immer nur erfahren, wohin wir heute wandern und wie viele Duschen es bei der heutigen Übernachtungsstätte gibt. Nicht aber, ob es eine schwere Wanderung wird und ob wir auf einer Hütte oder in einer anderen Unterkunft übernachten werden (laut Programm sollten wir 3 Mal auf einer Hütte und 3 Mal in einem Hotel/Gasthof übernachten). Somit war alles eine Überraschung, man konnte seinen Kopf komplett ausschalten und der Erholungsfaktor war dadurch enorm.

Geschafft! Stolz wie Oskar mit den beiden Bergführern Andreas und Vinzenz

Meine Wanderausrüstung

Definitiv nie wieder ohne Wanderstöcke! Ich bin ein totaler Fan geworden, wobei die Meinung innerhalb der Gruppe ziemlich gespalten war, muss man also ausprobieren. Ebenso begeistert war ich von den Merino-Oberteilen, die mir eine Freundin ausgeliehen hatte sowie meinem Rucksack. Meine Wanderschuhe waren ab Tag 4 ein ziemliches Low-Light, denn ich habe an einem Fuß eine Druckstelle entwickelt, die sich auch nicht durch Taping behandeln lies und mir somit ziemliche Schmerzen bereitet hat. Für die nächste mehrtägige Wanderung gibt es also neue Schuhe.

Der Anspruch

Meine größte Angst im Vornherein war, dass ich konditionell nicht würde mithalten können. Ich habe mich deshalb am ersten Tag total unter Druck gesetzt und war entsprechend k.o. am Abend. Hätte ich gar nicht machen müssen, denn ich konnte auch so gut mithalten. Natürlich gab es ein paar schwierige Stellen und ermüdende Auf-/Abstiege aber die waren für alle machbar und das Gute an einer 6 tägigen Wanderung ist ja, man wird von Tag zu Tag fitter!

Mein Fazit

Auch wenn die Alpenüberquerung immer mehr zu einer Massenveranstaltung wird, kann ich es nur jedem ans Herz legen. Noch nie war ein einwöchiger Urlaub so erholsam, so bereichernd und unvergesslich. Da alle Wege gut markiert sind, kann man die Tour auch gut privat organisieren. Wer den Kopf aber komplett ausschalten will und sich keine Gedanken zu „Wo esse ich heute zu Mittag?“, „Welche Abzweigung muss ich jetzt nehmen?“ und so weiter machen möchte, dem empfehle ich eine geführte Tour mit einer Bergschule.

 

 

 

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